Berakhot 55

Kapitel 55

א דלמא מעברין לך אמר לה [לשתמש אינש] יומא חדא בכסא דמוקרא ולמחר ליתבר אמרה ליה לית לך חיורתא ההוא יומא בר תמני סרי שני הוה אתרחיש ליה ניסא ואהדרו ליה תמני סרי דרי חיורתא היינו דקאמר ר' אלעזר בן עזריה הרי אני כבן שבעים שנה ולא בן שבעים שנה
1 Man könnte dich absetzen. Er erwiderte: Man erhöht beim Heiligen und erniedrigt nicht. — Er könnte Strafe über dich heraufbeschwören. Er erwiderte: Einen Tag einen kostbaren Becher, und sollte er auch morgen zerbrechen. — Du hast noch kein weißes [Haar]. An jenem Tage war er achtzehn Jahre alt, da geschah ihm ein Wunder, und er bekam achtzehn Reihen weißes [Haar], Daher sagte R. Elea͑zar b. A͑zarja: Ich bin bereits wie ein Siebzigjähriger, er sagte aber nicht: ein Siebzigjähriger.
ב תנא אותו היום סלקוהו לשומר הפתח ונתנה להם רשות לתלמידים ליכנס שהיה ר"ג מכריז ואומר כל תלמיד שאין תוכו כברו לא יכנס לבית המדרש
2 Es wird gelehrt: An jenem Tage schaffte man den Türwärter ab, und den Schülern wurde die Erlaubnis zum Eintreten erteilt. R. Gamliél pflegte nämlich ausrufen und sagen zu lassen: Kein Schüler, dessen Inneres seinem Äußeren nicht entspricht, trete in das Lehrhaus ein.
ג ההוא יומא אתוספו כמה ספסלי א"ר יוחנן פליגי בה אבא יוסף בן דוסתאי ורבנן חד אמר אתוספו ארבע מאה ספסלי וחד אמר שבע מאה ספסלי הוה קא חלשא דעתיה דר"ג אמר דלמא ח"ו מנעתי תורה מישראל אחזו ליה בחלמיה חצבי חיורי דמליין קטמא ולא היא ההיא ליתובי דעתיה הוא דאחזו ליה
3 An jenem Tage kamen viele Bänke hinzu. R. Joḥanan sagte: Hierüber streiten Abba Joseph b. Dostaj und die Rabbanan; nach einer Ansicht kamen vierhundert Bänke hinzu, nach der anderen Ansicht kamen siebenhundert Bänke hinzu. Da ward R. Gamliél entmutigt und sprach: Vielleicht habe ich, behüte und bewahre, Jisraél die Tora vorenthalten. Da zeigte man ihm im Traume weiße Töpfe voll Asche. Dies ist aber bedeutungslos, denn man zeigte sie ihm nur zu seiner Beruhigung.
ד תנא עדיות בו ביום נשנית וכל היכא דאמרינן בו ביום ההוא יומא הוה ולא היתה הלכה שהיתה תלויה בבית המדרש שלא פירשוה ואף ר"ג לא מנע עצמו מבית המדרש אפילו שעה אחת
4 Es wird gelehrt: E͑dijoth wurde an jenem Tage gelehrt; und überall, wo es ‘an jenem Tage’ heißt, ist dieser Tag gemeint. Es blieb keine schwebende Halakha im Lehrhause, die damals nicht entschieden wurde. Auch R. Gamliél selbst mied das Lehrhaus nicht,
ה דתנן בו ביום בא יהודה גר עמוני לפניהם בבית המדרש אמר להם מה אני לבא בקהל
5 denn wir haben gelernt: An jenem Tage kam Jehuda, ein a͑mmonitischer Proselyt, zu ihnen ins Lehrhaus und fragte: Darf ich in die Gemeinde aufgenommen werden?
ו א"ל ר"ג אסור אתה לבא בקהל א"ל ר' יהושע מותר אתה לבא בקהל א"ל ר"ג והלא כבר נאמר (דברים כג, ד) לא יבא עמוני ומואבי בקהל ה' א"ל ר' יהושע וכי עמון ומואב במקומן הן יושבין כבר עלה סנחריב מלך אשור ובלבל את כל האומות שנאמר (ישעיהו י, יג) ואסיר גבולות עמים ועתידותיהם שוסתי ואוריד כאביר יושבים וכל דפריש מרובא פריש
6 R. Gamliél erwiderte ihm: Du darfst in die Gemeinde nicht aufgenommen werden. R. Jehošua͑ aber erwiderte ihm: Wohl darfst du in die Gemeinde aufgenommen werden. R. Gamliél sprach zu ihm: Lange schon heißt es: <i>A͑mmoniter und Moábiter sollen in die Gemeinde des Herrn nicht kommen</i>. R. Jehošua͑ erwiderte ihm: Weilen denn A͑mmon und Moáb noch an ihrem Orte!? Lange schon kam Sanḥerib, König von Assyrien, und vermischte alle Völker, denn es heißt: <i>ich habe die Grenzen der Völker entfernt und ihre Vorräte geraubt, ich ließ die Macht der Bewohner sinken</i>, und wer ausscheidet, scheidet aus der Mehrheit aus.
ז אמר לו ר"ג והלא כבר נאמר (ירמיהו מט, ו) ואחרי כן אשיב את שבות בני עמון נאם ה' וכבר שבו
7 R. Gamliél sprach zu ihm: Lange schon heißt es ja aber: <i>und nachher führe ich die Gefangenschaft der Kinder A͑mmon zurück, spricht der Herr</i>, sie sind also zurückgekehrt.
ח אמר לו ר' יהושע והלא כבר נאמר (עמוס ט, יד) ושבתי את שבות עמי ישראל ועדיין לא שבו מיד התירוהו לבא בקהל
8 R. Jehošua͑ erwiderte: Lange schon heißt es ja auch: <i>ich führe die Gefangenschaft meines Volkes Jisraél zurück</i>, und sie sind noch nicht zurückgekehrt! Hierauf erlaubten sie, ihn in die Gemeinde aufzunehmen.
ט אר"ג הואיל והכי הוה איזיל ואפייסיה לר' יהושע כי מטא לביתיה חזינהו לאשיתא דביתיה דמשחרן א"ל מכותלי ביתך אתה ניכר שפחמי אתה א"ל אוי לו לדור שאתה פרנסו שאי אתה יודע בצערן של ת"ח במה הם מתפרנסים ובמה הם נזונים
9 Da sprach R. Gamliél: Wenn dem so ist, so will ich gehen und R. Jehošua͑ um Verzeihung bitten. Als er in sein Haus kam und sah, daß die Wände seines Hauses schwarz waren, sprach er zu ihm: An den Wänden deines Hauses ist es zu erkennen, daß du Köhler bist. Dieser entgegnete: Wehe dem Zeitalter, dessen Vorsteher du bist; du kennst die Qual der Schriftgelehrten nicht, wie sie ihren Erwerb herbeischaffen, und womit sie sich ernähren.
י אמר לו נעניתי לך מחול לי לא אשגח ביה עשה בשביל כבוד אבא פייס
10 Jener erwiderte: Ich ergebe mich dir, verzeihe mir! Dieser aber beachtete ihn nicht. — So tue dies wegen der Ehre meiner Ahnen. Da ließ er sich besänftigen.
יא אמרו מאן ניזיל ולימא להו לרבנן אמר להו ההוא כובס אנא אזילנא שלח להו ר' יהושע לבי מדרשא מאן דלביש מדא ילבש מדא ומאן דלא לביש מדא יימר ליה למאן דלביש מדא שלח מדך ואנא אלבשיה אמר להו ר"ע לרבנן טרוקו גלי דלא ליתו עבדי דר"ג ולצערו לרבנן
11 Alsdann sprachen sie: Wer soll gehen und dies den Rabbanan mitteilen? Da sprach ein Wäscher zu ihnen: Ich will gehen. Hierauf ließ R. Jehošua͑ im Lehrhause verkünden: Wer den Mantel trug, trage den Mantel auch fernerhin. Soll denn der, der den Mantel nicht trug, zu dem, der den Mantel trug, sagen: Schicke mir den Mantel, ich will ihn anziehen!? Darauf sprach R. A͑qiba zu den Rabbanan: Schließet die Türen, damit nicht die Diener R. Gamliéls kommen und die Rabbanan quälen.
יב א"ר יהושע מוטב דאיקום ואיזיל אנא לגבייהו אתא טרף אבבא א"ל מזה בן מזה יזה ושאינו לא מזה ולא בן מזה יאמר למזה בן מזה מימיך מי מערה ואפרך אפר מקלה א"ל ר"ע רבי יהושע נתפייסת כלום עשינו אלא בשביל כבודך למחר אני ואתה נשכים לפתחו
12 Sodann sprach R. Jehošua͑: Es ist besser, ich mache mich auf und gehe selbst zu ihnen. Er ging hin, klopfte an die Tür und sprach: Ein Sprengender, Sohn eines Sprengenden, soll auch fernerhin sprengen; soll denn der, der weder selbst Sprengender noch Sohn eines Sprengenden ist, zum Sprengenden, dem Sohne eines Sprengenden, sagen: Dein Wasser ist Spülwasser, und deine Asche ist Herdasche!? Auch R. A͑qiba sprach zu ihm: R. Jehošua͑, du hast dich besänftigen lassen; wir haben es nur deiner Ehre wegen getan; morgen machen wir uns auf, ich und du, und gehen an seine Tür.
יג אמרי היכי נעביד נעבריה גמירי מעלין בקדש ואין מורידין נדרוש מר חדא שבתא ומר חדא שבתא אתי לקנאויי אלא לדרוש ר"ג תלתא שבתי וראב"ע חדא שבתא והיינו דאמר מר שבת של מי היתה של ראב"ע היתה ואותו תלמיד ר' שמעון בן יוחאי הוה:
13 Alsdann sprachen sie: Was machen wir nun; setzen wir jenen ab, so ist es ja überliefert, daß man beim Heiligen erhöhe und nicht erniedrige; trägt der eine an einem Šabbath und der andere am zweiten Šabbath vor, so könnte er neidisch sein; vielmehr, mag R. Gamliél drei Šabbathe und R. Elea͑zar b. A͑zarja einen Šabbath den Vortrag halten. Das ist es, was der Meister sagte: Wessen Šabbath war es? — es war des R. Elea͑zar b. A͑zarja. Jener Schüler war R. Šimo͑n b. Joḥaj.
יד ושל מוספין כל היום: א"ר יוחנן ונקרא פושע
14 D<small>AS</small> Z<small>USATZGEBET</small> [<small>HAT</small> Z<small>EIT</small>]<small> DEN GANZEN</small> T<small>AG</small>. R. Joḥanan sagte: Er heißt jedoch Frevler.
טו ת"ר היו לפניו שתי תפלות אחת של מנחה ואחת של מוסף מתפלל של מנחה ואח"כ מתפלל של מוסף שזו תדירה וזו אינה תדירה ר' יהודה אומר מתפלל של מוסף ואח"כ מתפלל של מנחה שזו מצוה עוברת וזו מצוה שאינה עוברת א"ר יוחנן הלכה מתפלל של מנחה ואח"כ מתפלל של מוסף
15 Die Rabbanan lehrten: Wer zwei Gebete zu verrichten hat, das Vespergebet und das Zusatzgebet, verrichte das Vespergebet und nachher das Zusatzgebet, denn jenes ist ein ständiges, dieses aber kein ständiges; R. Jehuda sagt, er verrichte das Zusatz- und nachher das Vespergebet, denn jenes ist ein versäumbares, dieses aber kein versäumbares. R. Joḥanan sagte: Die Halakha ist, er verrichte das Vespergebet und nachher das Zusatzgebet.
טז ר' זירא כי הוה חליש מגירסיה הוה אזיל ויתיב אפתחא דבי ר' נתן בר טובי אמר כי חלפי רבנן אז איקום מקמייהו ואקבל אגרא נפק אתא ר' נתן בר טובי א"ל מאן אמר הלכה בי מדרשא א"ל הכי א"ר יוחנן אין הלכה כר' יהודה דאמר מתפלל אדם של מוסף ואח"כ מתפלל של מנחה
16 Wenn R. Zera von seinem Studium müde war, pflegte er hinzugehen und sich vor der Tür der Schule des R. Nathan b. Ṭobi zu setzen; er sagte nämlich, wenn die Rabbanan vorüberziehen, werde ich vor ihnen aufstehen und dafür Belohnung erhalten. Als R. Nathan b. Ṭobi herauskam, fragte er ihn: Wer lehrte die Halakha im Lehrhause? Dieser erwiderte: R. Joḥanan lehrte folgendes: die Halakha ist nicht wie R. Jehuda, welcher lehrt, man bete das Zusatzgebet und nachher das Vespergebet.
יז א"ל רבי יוחנן אמרה אמר ליה אין תנא מיניה ארבעין זמנין א"ל חדא היא לך או חדת היא לך א"ל חדת היא לי משום דמספקא לי בר' יהושע בן לוי:
17 Jener fragte: Hat dies R. Joḥanan gesagt? Dieser erwiderte: Jawohl. Ich lernte es von ihm vierzigmal. Alsdann fragte er: Ist es dir einzig oder ist es dir neu? Dieser erwiderte: Es ist mir neu, denn ich war im Zweifel, ob sie nicht von R. Jehošua͑ b. Levi ist.
יח אריב"ל כל המתפלל תפלה של מוספין לאחר שבע שעות לר' יהודה עליו הכתוב אומר (צפניה ג, יח) נוגי ממועד אספתי ממך היו מאי משמע דהאי נוגי לישנא דתברא הוא כדמתרגם רב יוסף תברא אתי על שנאיהון דבית ישראל על דאחרו זמני מועדיא דבירושלים
18 R. Jehošua͑ b. Levi sagte: Über den, der das Zusatzgebet nach sieben Stunden, nach R. Jehuda, betet, spricht die Schrift: <i>die Betrübten [nuge] wegen der Feste sammle ich, denn von dir waren sie</i>. Wieso ist es erwiesen, daß <i>nuge</i> zerbrechen bedeute? — So übersetzte R. Joseph: Ein Zusammenbruch komme über die Feinde des Hauses Jisraél, weil sie die Festtage in Jerušalem versäumten.
יט א"ר אלעזר כל המתפלל תפלה של שחרית לאחר ארבע שעות לר' יהודה עליו הכתוב אומר נוגי ממועד אספתי ממך היו מאי משמע דהאי נוגי לישנא דצערא הוא דכתיב (תהלים קיט, כח) דלפה נפשי מתוגה רב נחמן בר יצחק אמר מהכא (איכה א, ד) בתולותיה נוגות והיא מר לה
19 R. Elea͑zar sagte: Über den, der das Morgengebet nach vier Stunden, nach R. Jehuda, verrichtet, spricht die Schrift: <i>die Betrübten wegen der Feste, sammle ich, denn von dir [waren sie]</i>. Wieso ist es erwiesen, daß <i>nuge</i> betrübt bedeute? — Es heißt: <i>meine Seele zerfließt vor Trübsal [tuga]</i>. R. Naḥman b. Jiçḥaq entnimmt dies aus folgendem: <i>ihre Jungfrauen sind betrübt [nugoth], und ihr ist bitter</i>.