Chullin 282

Kapitel 282

א רבי חייא ובי רבי אושעיא משבשתא היא ולא תותבו מינה בי מדרשא דלמא אינה בכלל מלקות ארבעים תניא
1 R. Ḥijas und R. Oša͑jas gelehrt worden ist, sei fehlerhaft, und daß ihr aus einer solchen im Lehrhause keinen Einwand erheben sollt!? Vielleicht lautet sie: unterliegen nicht der Geißelung. –
ב ת"ש דתני ר' אושעיא ור' חייא (דברים כד, יט) לא תשוב ושב (ויקרא יט, ט) לא תכלה וכלה ישנן בכלל מלקות ארבעים דברי רבי יהודה
2 Komm und höre: R. Oša͑ja und R. Hija lehrten: <i>Du sollst nicht umkehren</i>, wenn jemand aber umgekehrt ist,<i>du sollst nicht vollenden</i>, wenn jemand aber vollendet hat, so unterliegt dies der Geißelung – so R. Jehuda.
ג שמע מינה טעמיה דרבי יהודה משום דקסבר לאו שניתק לעשה לוקין עליו
3 Hieraus ist somit zu entnehmen, der Grund R. Jehudas sei, weil er der Ansicht ist, wegen eines Verbotes, das durch ein Gebotaufgehoben wird, sei zu geißeln. –
ד דלמא התם היינו טעם דקסבר תעזוב מעיקרא משמע
4 Vielleicht hierbei aus dem Grunde, weil er der Ansicht ist, das Zurücklassen sei nur von vornherein zu verstehen. –
ה א"ל רבינא לרב אשי ת"ש (שמות יב, י) לא תותירו ממנו עד בקר וגו' באש תשרופו בא הכתוב ליתן עשה אחר לא תעשה לומר לך שאין לוקין עליו דברי ר' יהודה
5 Komm und höre: <i>Ihr sollt davon nichts bis zum nächsten Morgen zurücklassen &amp;c. im Feuer verbrennen</i>; die Schrift läßt auf das Verbot ein Gebot folgen, um zu sagen, daß dieserhalb nicht zu geißeln sei – so R. Jehuda.
ו ש"מ טעמא דר' יהודה משום דקסבר שלח מעיקרא משמע ש"מ
6 Hieraus ist somit zu entnehmen, der Grund R. Jehudas sei, weil er der Ansicht ist, das Fliegenlassen sei nur von vornherein zu verstehen. Schließe hieraus.
ז א"ל רב אידי לרב אשי מתני' נמי דיקא דקתני הנוטל אם על הבנים ר' יהודה אומר לוקה ואין משלח ואי ס"ד טעמא דר' יהודה לאו שניתק לעשה לוקין עליו לוקה ומשלח מבעי ליה
7 R. Ithaj sprach zu R. Aši: Dies geht auch aus unserer Mišna hervor, denn diese lehrt, wer die Mutter samt den Jungen genommen hat, sei, wie R. Jehuda sagt, zu geißeln, und er lasse sie nicht mehr fliegen. Wenn man nun sagen wollte, der Grund R. Jehudas sei, weil wegen eines Verbotes, das durch ein Gebot aufgehoben wird, zu geißeln sei, so sollte er doch gegeißelt werden und sie fliegenlassen müssen. –
ח ודלמא הכי קאמר במתני' אין נפטר עד דמלקין ליה
8 Vielleicht ist die Mišna wie folgt zu verstehen: er ist nicht eher frei, als bis er gegeißelt worden ist.
ט עד כמה משלחה אמר רב יהודה כדי שתצא מתחת ידו במה משלחה רב הונא אמר ברגליה רב יהודה אמר באגפיה רב הונא אמר ברגליה דכתיב (ישעיהו לב, כ) משלחי רגל השור והחמור רב יהודה אמר באגפיה דהא כנפיה נינהו
9 Wie lange lasse man sie fliegen? R. Jehuda erwiderte: Bis sie aus seiner Hand gekommen ist. – Woran lasse man sie fliegen? R. Hona sagt, an den Füßen, R. Jehuda sagt, an den Flügeln. R. Hona sagt, an den Füßen, denn es heißt: <i>die den Fuß</i> <i>der Rinder und der Esel schicken</i>. R. Jehuda sagt, an den Flügeln, denn bei dieser gelten die Flügel als Füße.
י ההוא דגזינהו לגפה ושלחה ואח"כ תפשה נגדיה רב יהודה א"ל זיל רבי לה גדפיה ושלחה
10 Einst schnitt jemand [einem Vogel] die Flügel ab, ließ ihn fliegen und fing ihn wieder ein. Da ließ ihn R. Jehuda geißeln und sprach zu ihm: Geh, laß ihm die Flügel wachsen und laß ihn dann fliegen. –
יא כמאן אי כר' יהודה לוקה ואין משלח אי כרבנן משלח ואין לוקה לעולם כרבנן ומכת מרדות מדרבנן
11 Nach wessen Ansicht: nach R. Jehuda ist man ja zu geißeln, und braucht nicht fliegen zu lassen, und nach den Rabbanan muß man ja fliegen lassen, und man ist nicht zu geißeln!? – Tatsächlich nach den Rabbanan, da war es aber eine rabbanitische Widerspenstigkeitsgeißelung.
יב ההוא דאתא לקמיה דרבא א"ל תימה מהו אמר לא ידע האי גברא דעוף טהור חייב לשלוחי אמר ליה דילמא חדא ביעתא הוא דרמיא אמר ליה האי ידעי לך מתניתין היא אין שם אלא אפרוח אחד או ביצה אחת חייב לשלח
12 Einst kam jemand vor Raba und fragte ihn, wie es sich diesbezüglich beim Tema verhalte. Da sprach er: Sollte dieser Mann nicht wissen, daß man bei einem reinen Vogel zum Fliegenlassen verpflichtet sei. Hierauf fragte er ihn: Liegt da vielleicht nur ein Ei? Jener erwiderte: Das sag ich dir eben. – Dies lehrt eine Mišna: befindet sich da nur ein Küchlein oder ein Ei, so ist man zum Fliegenlassen verpflichtet. Da ließ er ihn fliegen.
יג שלחה ואהדר לה רבא פרסתקי ותפסה וליחוש לחשדא כלאחר יד
13 Später breitete Raba ein Fangnetz aus und fing ihn ein. – Er sollte doch Verdächtigungbefürchten!? – [Er tat dies] wie unbeabsichtigt.
יד ת"ר יוני שובך ויוני עלייה חייבות בשלוח ואסורות משום גזל מפני דרכי שלום
14 Die Rabbanan lehrten: Bei Tauben aus dem Schlage und aus dem Söller ist man zum Fliegenlassen verpflichtet, und sie sind [Fremden] des Friedens wegen als Raub verboten.
טו ואי איתא להא דאמר ר' יוסי בר ר' חנינא חצרו של אדם קונה לו שלא מדעתו קרי כאן כי יקרא פרט למזומן
15 Nach der Lehre des R. Jose b. Ḥanina, daß nämlich der Hof eines Menschen für ihn ohne sein Wissen eigne, sollte doch hierauf bezogen werden der Schriftvers: <i>wenn sich trifft</i>, ausgenommen das Vorrätige!?
טז אמר רב ביצה עם יציאת רובה הוא דאחייב בשלוח מקנא לא קני עד דתפול לחצרו וכי קתני חייבות בשלוח מקמי דתפול לחצרו
16 Rabh erwiderte: Sobald die größere Hälfte des Eies hervorkommt, tritt das Gebot des Fliegenlassens ein, die Aneignung aber erst dann, wenn es in den Hof gekommen ist, und die Lehre, hierbei habe das Gebot des Fliegenlassens Geltung, bezieht sich auf die Zeit, bevor es in den Hof gekommen ist. –
יז אי הכי אמאי אסורות משום גזל אאמם ואיבעית אימא לעולם אביצה וביצה כיון דנפיק ליה רובא דעתיה עליה
17 Weshalb sind sie demnach als Raub verboten? – Dies bezieht sich auf die Mutter. Wenn du aber willst, sage ich: tatsächlich auf die Eier, denn sobald die größere Hälfte des Eies herausgekommen ist, rechnet man damit.
יח והשתא דאמר רב יהודה אמר רב אסור לזכות בביצים שהאם רובצת עליהן שנאמר שלח את האם והדר הבנים תקח לך אפי' תימא אע"ג דנפל לחצרו כל היכא דאיהו מצי זכי חצרו נמי זכיא וכל היכא דאיהו לא מצי זכי חצרו נמי לא זכיא ליה
18 Nachdem aber R. Jehuda im Namen Rabhs gesagt hat, man dürfe sich die Eier nicht aneignen, solange die Mutter auf ihnen brütet, denn es heißt: <i>lasse die Mutter fliegen</i>, und nachher: <i>und die Jungen behalte für dich</i>, ist dies auch auf den Fall zu beziehen, wenn sie vollständig in seinen Hof gekommen sind. In dem Falle, wenn er selber sie sich aneignen kann, eignet sie auch sein Hof für ihn, und in dem Falle, wenn er selber sie sich nicht aneignen kann, eignet sie auch sein Hof nicht für ihn. –
יט אי הכי אמאי אסורות מפני דרכי שלום אי דשלחה גזל מעליא הוא אי דלא שלחה שלוחי בעי
19 Wieso sind sie demnach [Fremden] des Friedens wegen verboten: hat er [die Mutter] fliegen lassen, so ist dies ja richtiger Raub, und hat er sie nicht fliegen lassen, so muß er sie ja fliegen lassen!? –
כ בקטן קטן בר דרכי שלום הוא הכי קאמר אביו של קטן חייב להחזיר לו מפני דרכי שלום
20 Dies gilt von einem Minderjährigen. – Was weiß ein Minderjähriger von der Friedenserhaltung!? – Er meint es wie folgt: der Vater des Minderjährigen muß sie des Friedens wegen zurückgeben.
כא לוי בר סימון אקני פירות שובכו לרב יהודה אתא לקמיה דשמואל א"ל זיל טרוף אקן דליתגבהו וקנינהו
21 Levi b. Simon verkaufte R. Jehuda die Jungen seines Taubenschlages, und als er hierauf zu Šemuél kam, sprach dieser zu ihm: Geh, klopfe auf das Nest, damit sie auffliegen, sodann hast du sie geeignet. –
כב למאי אי למקנא לקנינהו ליה בסודר אי ביום טוב
22 Wozu wenn wegen der Besitznahme, so konnte er sie ihm ja durch Mantelgriff zueignen, und wenn wegen des Festtages,